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Blickweiler im Wandel der letzten 125 Jahre

Die letzten 125 Jahre unserer Geschichte dürften zu dem bewegtesten Zeitabschnitt in der Menschheitsgeschichte überhaupt zu zählen sein. In allen Lebensbereichen hat sich in dieser Zeit eine Entwicklung vollzogen, wie sie in einem so kurzen Zeitabschnitt nie zuvor sein dürfte. Wenn man sich heute bemüht, sich in die Zeit vor 125 Jahren zurückzuversetzen, so dürfte es schwer fallen, wenn überhaupt möglich, sich ein Bild über die damaligen Lebensverhältnisse in unserer Gemeinde zu machen. Ein Fahrrad, in seinem Ursprung bereits 1814 entwickelt, war noch ein Luxusgegenstand, den sich bei weitem nicht jeder leisten konnte. Eine Pferdekutsche, im Volksmund "Scheeß" genannt, war ein Privileg besonders Begüterter und der wenigen wohlhabenden Leute, ganz zu schweigen von den sonstigen Errungenschaften unseres technisch so hoch entwickelten Zeitalters, die wir heute als eine Selbstverständlichkeit für uns beanspruchen. Den deutschfranzösischen Krieg 1870/71 eingeschlossen, musste die Menschheit in dieser Zeit drei Kriege über sich ergehen lassen, die sich an Grausamkeit und Brutalität mit zunehmender Technisierung steigerten. Vier verschiedene Währungen galten in dieser Zeit als gesetzliches Zahlungsmittel, wenn man von der kurzen Übergangswährung der Saarrnark im Jahre 1947 absieht, mit einer Inflation in den 20er Jahren, die gerade die sparsamen. weniger bemittelten Bevölkerungsschichten besonders hart traf. Gulden, RM, ffrs, RM. ffrs, DM, Euro.

Zeitgenossen sind früher zu Fuß auf ihre Arbeitsstelle gewandert. So Vetter Theis, auf dem Neunkircher Eisenwerk und später auf der Grube Rosseln beschäftigt. Da konnte man nicht jeden Tag zu seiner Familie zurückkehren; und die Arbeit auf dem Feld und im Stall ging zu Lasten von Frau und Kindern. In der Nacht von Sonntag auf Montag ging es auf Schusters Rappen, mit dem Rucksack auf dem Rücken, mit dem nötigen Proviant für eine Woche zur Arbeitsstelle, wo man die Woche über im Schlafhaus untergebracht war.

Immer wieder wird in Gemeinderatsbeschlüssen, wenn es an die Bestreitung wichtiger Ausgaben ging, über die enorm hohen Kosten der Armenunterstützung geklagt, die den Gemeindehaushalt über Gebühr belasteten. Mit einem Weck, den es bei der jährlichen Prüfung in der Schule gab, konnte man zu dieser Zeit einem Kind noch eine große Freude bereiten. Anfang der 70er Jahre des 19. Jahrhunderts ernährten sich unsere Vorfahren überwiegend aus dem Ackerbau und der Viehzucht, der Leinenweberei oder als Tagner. Diese Berufs- bezeichnungen treten in dieser Zeit am häufigsten auf, -wobei auch bei sonstiger Beschäftigung noch Ackerbau im Nebenerwerb betrieben wurde, weil die Not dazu zwang. Mit der zunehmenden Industrialisierung um die Jahrhundertwende bildeten sich dann in immer stärkerem Umfang die sogenannten Arbeiterbauern. Der geringe Verdienst zwang zu diesem Nebenerwerb, der überwiegend zu Lasten der Frauen und Kinder ging. Der hohe Viehbestand führte zur Knappheit an Futter und Streu, weshalb man früher in den Wald "Laub scherren" ging, was sich bis in die 30er Jahre unseres Jahrhunderts erhalten hat. In dieser Zeit bereits gingen die landwirtschaftlichen Nebenerwerbstätigkeiten nach und nach zurück, was auf die besseren Verdienstmöglichkeiten in der modernen Industrie zurückzuführen war. Die Wohnungsverhältnisse unserer Vorfahren können keinesfalls mit den heutigen verglichen werden. Familien mit 9, 10 und mehr Kindern waren keine Seltenheit, sondern die Regel. Die Schulferien, um nur ein Beispiel anzuführen, dienten nicht der Erholung der Schulkinder. Unter dem Einfluss der Ortsschulkommission wurden die Ferien in eine Zeit verlegt, in der die Kinder am nötigsten in der Landwirtschaft gebraucht wurden.

Das Dorfbild mit schlechten, kaum befestigten Straßen spiegelte den überwiegenden Charakter des Ackerbaues wieder. Pferde- und überwiegend Kuhfuhrwerke beherrschten das Straßenbild; fast jedes Haus verfügte über Scheune und Stallungen, die heute fast ausschließlich zu Autogaragen umgebaut sind. Schweine-, Gänse-, Schaf- und Geißenhirte zogen täglich durch die Straßen auf die Weide, letzterer allerdings nur im Spätsommer und Herbst, wenn die Wiesen abgeerntet waren. Die Gänse wurden vornehmlich in einer Klamm gegen Wolfersheim, die heute noch als "Gänseklamm" bezeichnet wird, gehütet, und nach der Getreideernte zogen die Gänseherden über die Stoppeläcker, um ja keine Ähren verkommen zu lassen. Den älteren Leuten ist der "Gänsehannes" aus dieser Zeit noch ein Begriff. Der Schweinehirt zog mit seinen Anvertrauten überwiegend in Richtung Sitters und Rückert. In einer Sitzung am 8. Juli 1894 befasste sich der Gemeinderat mit dem Schweineeintrieb in den Wald und fasste folgenden Beschluss: "Dem Schweinehirten ist das Einfahren in den Wald zu verbieten und soll ihm nur gestattet sein, die Herde am Waldsaum in den Schatten zu stellen." Am 7. März 1920 wurde ein Antrag des Schweinehirten Peter Bieringer um Erhöhung des Hirtenlohnes wie folgt entschieden: " Der Gemeinderat hat auf die Erhöhung von 50 Pfg. nichts einzuwenden, jedoch wird ersucht auf ordnungsmäßiges ges Hüten." Das Hüten der Schweine und Geißen wurde in unserem Ort am längsten aufrecht erhalten und zwar bis in die späten 20er Jahre. Der letzte Schweinehirt war Peter Müller und die Geißen wurden zuletzt gehütet von Frau Helene Winterroll. Nachdem Letztgenannte das allgemeine Hüten eingestellt hatte, zogen noch über Jahre hinaus in den Herbstmonaten die Geißen herdenweise auf die Weide, gehütet und beaufsichtigt von den Kindern der Geißenhalter.
In früheren Jahren musste man, um das Heimatrecht in einer Gemeinde zu erwerben eine Heimatgebühr entrichten, die laut Tarif vom 19. Juli 1868 wie folgt festgesetzt war: Für Inländer 100 Gulden, für Zollvereins- staatsangehörige 150 Gulden, für übrige Ausländer 200 Gulden. Diese Heimatgebühren werden in Gemeinderatsbeschlüssen noch bis in die späten 20er Jahre erwähnt und betrugen zu dieser Zeit 85 Mark, umgerechnet in die damalige Frankenwährung. So weit ein allgemeiner Überblick über die Lebensverhältnisse unserer Vorfahren.


Literaturnachweis: Blickweiler im Wandel der Zeit


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